WELTWEIT - Boxster Rep in Arizona

mo inspection station

Wenn einer eine Reise tut, dann kann was erzählen...

Unter dieser Überschrift lässt sich die folgende Geschichte vortrefflich beschreiben.

Es trug sich zu in Tucson Arizona, als der Antrieb des 2005er GMC SIERRA 2500 HEAVY DUTY Pick Truck mehr Geräusche verursachte, wie mir genehm und somit galt es einen Fachbetrieb für Getriebe und Differenziale zu finden. Nach ein wenig Suchmaschinenrecherche und ein paar Emails und Telefonaten ergab sich ein kurzfristiger Termin bei Tucson Transmission & Auto Repair. Mike, die Stimme am Telefon und wie sich im Verlauf der Geschichte herausstellte, mit seinem Cousin Norman Leiter des Betriebs, hat mir für heute, Freitag vor dem Neujahrswochenende noch eine gemeinsame Annahmefahrt angeboten.
Gegen 3:00Uhr Nachmittags (in den USA gibt es kein 15:00Uhr, nur "am" und "pm" und pm entspricht unserem Nachmittag) war ich vor Ort, konnte mit Mike eine Proberunde drehen und unser beider Annahmen aufgrund von Charakteristik des Geräuschs waren zu 100 Prozent deckungsgleich. "Differential Bearing" was soviel wie Hinterachslager bedeutet.
Mike hat u.a wegen meines AIRSTREAM erkannt, dass hier zeitnah eine Lösung her muß und hat einen Termin gleich für den kommenden Dienstag, den 02. Januar und somit ersten Arbeitstag 2024 um 09:00Uhr angeboten.

Es wurde Wochenende, es wurde Neujahr 2024 und ich stand am Morgen des 02.01. nebst SIERRA rechtzeitig zur Annahme in Mike's workshop bereit. Der Wagen wurde in der ziemlich stark frequentierten Werkstatt über verschlungene Wege auf eine geeignete Hebebühne buchsiert und Isaak, ein junger Kollege der ständig einen klassischen hellen Statson Cowboyhut trug, blieb im Auto sitzen um den Antrieb laufen zu lassen.
Mike holte mich dazu und das bereit gelegte Stethoskop wurde nicht benötigt; der Lagerschaden war auch ohne besondere Hilfsmittel eindeutig aus dem Eingangsbereich der Hinterachse zu verorten.

Nächster Schritt: Teile beschaffen und losgeschraubt! Dauer der Aktion? "Zwei bis drei Tage, Kosten ca. 1500 Dollar mit einem Satz neuer Lager, Dichtungen, Öl und Trallala". Klingt für mich stimmig, doch was treibe ich nun die kommenden zwei bis drei Tage? Im Verlauf unseres Gesprächs während der Probefahrt am Freitag hatte ich bereits meinen Beruf erwähnt und nun stellte sich die Frage, ob Mike für eben diese zwei bis drei Tage eine Aufgabe für mich hätte. Mike meinte nur: "of course", was soviel wie "ja" bedeutet und ist erst mal losgezogen um die Teile für den SIERRA zu bestellen.

Währendessen schlenderte ich über das Gelände und da stand ein wilder Mix an verschiedensten Fahrzeugen. Hersteller von A wie Audi, B wie Buick, C wie Chrysler, D wie Dodge, E wie Edsel, F wie Fiat, H wie Hummer, Oldtimer von Cadillac und Lincoln, ein Charger R/T, ein HotRod, Boote, Porsche, Käfer, Kickeriki!  Ein bunter Reigen zur Abdeckung von Mobilitäts Bedürfnissen unterschiedlichster Natur.
 
a IMG 20240102 090855 452Vor dem Gebäude stand geparkt ein Porsche Boxster S, der rote Decklack unter der Sonne Arizonas stark verblasst und in großen Bereichen abgelöst, zwei Reifen platt und der ganze Zustand konnte als uneingeschränkt bedauerlich bezeichnet werden. Um die platten Reifen war bereits Gras und sonstige Kräuter gewachsen, was auf eine längere Standzeit schließen ließ. Aber es ist immer noch ein Porsche, ein Boxster der ersten Generation, Scheinwerfer wie Spiegeleier, wenn auch verlebt, verbrannt und abgestellt.

Mike: "der steht hier schon seit drei Jahren."
W: "und warum wird er nicht repariert?"
Mike: "keiner meine Jungs mag die Kiste anfassen."
W: "...und warum mag den keiner anfassen?"
Mike: "da waren Ratten drin" und nach kurzem Zögern und etwas leiser: "und es ist ein Porsche. Keiner hier mag Porsche."
W: "can I have a look insinde?" "darf ich da mal reinschauen?"
Mike:"of course!" "natürlich!"

Und so hat es sich ergeben. Als Erstes galt es die Hauben des Wagen zu öffnen, was nach Mikes Angaben bereits vor 3 Jahren nicht funktioniert hat. Die Front- und Heckklappen werden über elektrisch angesteuerte Servomotoren geöffnet und die Batterie des Wagen befindet sich unter der geschlossenen Frontklappe und ist nach 3 Jahren Standzeit selbstverständlich leer und vermutlich auch mausetot. Doch sind die Türen unverschlossen und auch die Wagenschlüssel, 2 Stück an der Zahl, liegen auf dem Beifahrersitz.
Gewusst wie: beim zur Rede stehenden Wagen gibt es am Sicherungskasten links im Fahrerfußraum einen Kontaktstift den man herausziehen kann um über diesen die Entriegelungsanlage extern mit Spannung zu versorgen. Somit lässt sich die Frontklappe öffnen und durch überbrücken der nun zugänglichen Starterbatterie ist auch die Heckklappe schnell entriegelt. Soweit, so gut.

a IMG 20240102 094334 992Zugang zum Motorraum gibt es bei diesem Modell erst, wenn das Verdeck ein Stück weit in die sog. Serviceposition geöffnet wird. Es bleibt spannend, was die Ratten alles an- und abgeknabbert haben und ob die Verdeckhydraulik noch mit Spannung versorgt und somit automatisch agieren kann.

Dankenderdweise waren die Nager in diesem Bereich wohl nicht aktiv und nach Sicherstellung einer stabilen Spannungsversorgung konnte die elektrohydraulische Verdecksteuerung das Gestell in Servicestellung bringen und der Zugang zur Motorraumabdeckung wurde frei.


Teppichverkleidung raus, die sechs Drehverschlüsse jeweils 90 Grad nach links geöffnet und der Deckel konnte abgehoben und über der Heck aus dem Wagen genommen werden. Und da war es nun, das Ausmaß, bzw. die prall gefüllte Speisekammer der amerikanischen Buschratten, hier "Packrats" genannt. Der Motorraum war bis Unterkante Deckel vollgestopft mit Futtervorrat. Orangen, Bohnen, Nüsse und alle möglichen Hülsenfrüchte waren bis in die letzten Winkel des Motorraums eingelagert, ja eingepresst!

a IMG 20240102 094340 344Handschuhe, Staubsauger, Langhalszange, eine leere Kiste und auf geht's! Etwa 3 Stunden (!) später hat die gröbste Menge des Wintervorrats unserer Rattenfamilie den Weg in den Sauger und die Kiste gefunden. 
Nach Abbau eines Teils der Ansaugverrohrung gab es nochmal eine Stunde Saugerei.

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Nach der Reinigung zeigten sich auch bereits die ersten Schäden. Das nagende Volk hat sich an diversen elektrischen und auch Unterdruckleitungen vergangen. Der Anschlussstecker zum Luftmassenmesser war vollständig vom Kabelbaum getrennt, die doch recht dicke Leitung zum Magnetschalter des Anlassers nur noch partiell vorhanden und mehrere Leitungen vom Motorkabelbaum waren an-und abgeknabbert.

Porsche hat hierzu eine einfache Lösung: Antriebseinheit raus, Kabelbaum neu, u.s.w.
"Einfach" war gestern, Neuteile sind auf die Schnelle nicht zu bekommen und ausserdem habe ich ja nur 2 bis 3 Tage Zeit um die Büchse wieder ans laufen zu kriegen. Also heißt es kreativ zu sein und erst mal Werkzeuge und Material zu sammeln. Das Team von Mikes Werkstatt war ob der Fortschritte der letzten Stunde leicht beeindruckt, wohl auch darum umfassend hilfsbereit und schnell hatte ich Kabel, Schrumpfschläuche, Lötstation nebst Zinn, Mini-Heissluftfön und Mikes vollständigen metrisch eingerichteten Werkzeugwagen zur freien Verfügung. 

a IMG 20240102 121807 495So konnte der Spaß losgehen und nach Abbau der Heckklappe und Abdeckung der Teppiche im Kofferraum mit Karton galt es in diesem kniend die Wege der schadhaften Leitungen zu verfolgen, die einzelnen Litzen heraus zu ziehen, zu verlängern, die Lötstellen per etwa 3cm langen Schrumpfschlauchabschnitten zu verschließen und auf der anderen Seite mit dem passenden Gegenstück zu verlöten. Klingt einfach und ist es irgendwie auch. Leider war die Lötstation nicht gerade High-end und durch die Anwendung draussen bei leichter Brise war es eine Herausforderung, bzw. etwa 48 Herausforderungen, die Wärme dahin zu bekommen, wohin sie denn sein sollte. Stellenweise sollte bei den etwas dickeren Leitungen der Heissluftfön unterstützend für eine lötfreundliche Umgebung um die Lötstelle sorgen.

a IMG 20240102 145225 734Nachdem der Motorkabelbaum an sich instandgesetzt, galt es den 5-poligen Stecker zum Luftmassenmesser wieder mit Leitungen zu versehen. Auspinnwerkzeug? Negativ. Also hieß es die fünf etwa 1mm aus dem Steckergehäuse ragenden Kabelenden zu verzinnen und mit einem dünnen Kabel zu verlängern. Geduldsspiel und Nervensache, doch hatte das Problem am Ende das Nachsehen und die Lösung hat gesiegt.

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Thema Elektrik im Motorraum war nach Wiedereinbau der Ansaugkanäle erst einmal abgeschlossen.

Nächster Schritt: Kraftstoffversorgung. Nach Einschalten der Zündung und drehen des Anlassers sollte bei funktionsfähiger Anlage Druck auf den Kraftstoffrohren über den Einspritzventilen anliegen. Nach abschrauben der Abdeckkappe über dem Druckprüfventil und Druck auf den Ventilstift: Ergebnis: Null. Kein Druck.

a IMG 20240103 134736 924a IMG 20240103 134742 801Somit schnelle Überbrückung Kraftstoffpumpenrelais und nix passiert. Spannung liegt an Relaissockel und der Sicherung an, die Pumpe pumpt jedoch nicht. Kraftstoffpumpe am Boxster, wo war die doch gleich, unter dem Batterieboden? 4 Muttern M8 gelöst und raus mit der Platte. Da lag sie nun, die Pumpe nebst Anschlussstecker und drei der vier Leitungen sind den Ratten zum Opfer gefallen. Also wieder Heissluftfön für ein lötfreundliches Klima, Lötstation, Zinn, Kabel, Schrumpfschlauch, das Ganze mal 3 / mal 6 und auch diese Baustelle konnte als erledigt betrachtet werden. Die Pumpe wurde nun angesteuert und auch die Tankanzeige bewegte sich in Richtung 3/4, was mich an die lange Standzeit und die die Empfindlichkeit der Porsche Motoren gegenüber altem Kraftstoff erinnerte. Also raus mit der Plörre!
 
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Mike kam in unregelmäßigen Abständen vorbei und blieb meist kommentarlos, da er wohl nicht glaubte viel zum Gelingen der Aktion beitragen zu können. Mal ein netter Spruch und mal ein Daumen hoch sollte wohl motivieren dran zu bleiben. Als ich nach leeren Behältern zum Auffangen des abzupumpenden Benzins fragte, wurde auch gleich nach einer Pumpe und einem langen Schlauch zum einführen in den Einfüllstutzen gefahndet. "Wozu?" war meine Frage. "Um das Benzin abzupumpen!" ...doch wir haben eine Pumpe... im Tank... und die Spannungsversorgung kann ich über eine Kabelbrücke am Relaissockel realisieren. (womit nun endlich die McGyver Büroklammer zum Einsatz kam)
Also einmal mehr Unverständnis geerntet, doch hat man mich mit einem etwa 1,5 Meter langen Schlauchstück weiter werkeln lassen. Anschluss an der Pumpe abgesteckt, Schlauch drauf, Relaissockel gebrückt und raus mit der Suppe. Sauber, leise, unspektakulär.

Nun den Anschluss der Benzinleitung zur Pumpe erneuert, denn auch der wurde von den Ratten bis zur Undichtigkeit zerbissen und dann die Leitung zur Tankentlüftung repariert.

5 Gallonen / etwa 20 Liter frischen Sprit hat der Statson-behutete Isaac geliefert und nun kommt es auf, ob die Mühen der zwei Tage sich gelohnt.

Die Batterie in der Fernbedienung der Zentralverriegelung scheint noch zu reagieren und somit kann verschlossen und entriegelt werden, was beim vorliegenden Modell zur Deaktivierung der Wegfahrsperre dient.
Schlüssel ins Zündschloss, das Porsche-typisch links neben der Lenksäule verbaut, herumgedreht und: Nichts!
Ahh, da war was, US-Modell: Kupplung bis Anschlag durchgetreten, nochmal Zündschlüssel gedreht und da war er, der Motorenklang des 6-Zylinder Boxermotor. Nach nur kurzem 2-Sekunden Anlaßjodler hat der frische Kraftstoff die Brennräume erreicht und das Triebwerk ist gestartet!

Nach 3 Jahren auf Mike's Hof und wer-weiß-wie-lange der Wagen davor schon herum stand, die Kiste läuft wieder!

Noch Luft in die Reifen, alle Abdeckungen wieder an seinen Platz geschraubt und nach insgesamt 17 Stunden Schrauber- und Löterei war das Tagesziel erreicht. Und die Freude der Werkstatt Crew über das Erledigen dieser Arbeit war nicht zu verleugnen. Die waren alle froh, dass sich einer fand, der sich dem Wagen annahm und dann auch noch Erfolg dabei hatte. YESS! Am Abend des zweiten Tages hatte ich somit auch gleich noch das Angebot über eine Festanstellung erhalten.
 
a IMG 20240102 170404 247Was für eine tolle Reise, was für ein irrer Road Trip!
 
An Morgen des dritten Tages stand dann die Hinterachse des SIERRA auf dem Werkstattplan und Mike erlaubte mir, schon mal die erste Vorbereitungen zu treffen. Räder runter, Öl raus, Deckel ab, Steckachsen raus, Radnben ab, Differenzial freigelegt und grob gesäubert, Antriebswelle weg, bei der Gelegenheit gleich noch das hintere Kreuzgelenk ausgebaut, zerlegt, gereinigt, Fettpackung erneuert und wieder eingepresst.
Die Feststellbremsbeläge hatte ich unabhängig von der Achsaktion bereits bestellt, doch sind diese bis dato nicht eingetroffen. Mike hat die Fragmente der rostigen Bremsbackenträger gesehen und gleich noch einen neuen Satz geordert.
Am frühen Nachmittag waren dann alle Teile und zusätzlich noch die Radlager und Bremsbacken im Hause und wir konnten alles wieder zusammenbauen, Räder drauf, Öl eingefüllt und Probefahrt. 15:30Uhr: Fertig!

16:00Uhr: Ende der Aktion. Abrechnung: Mike: "we are even. You made it, the Porsche is back alive and I will charge the owner about 1500 Dollar. And you make the most on your Truck by yourself, so we are even"

Heißt frei übersetzt: wir sind quitt! Du hast den Porsche repariert und auch noch am SIERRA mitgearbeitet, also sind wir quitt.

I'm touched und so hat meine Lust am Schrauben sowohl Mike als auch seinen Kunden und auch ganze Werkstatt Crew glücklich gemacht. Und dazu auch noch für die Hinterachse bezahlt. Perfect!
 
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 ...wenn das auch nicht immer die Lösung aller Probleme ist, so kann mal mit McGyvers Super-Tool schon mal ein Kraftstoffpumpenrelais überbrücken.


a IMG 20240103 174021Ende Tag.

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